Was hält ein Bauteil aus? Wo verformt es sich? Und ist es richtig konstruiert? Antworten liefert das Dortmunder Start-up Dr.Q mit einer Simulationslösung, die sich dank KI einfach per Sprache steuern lässt. So sollen Konstrukteurinnen und Konstrukteure im Maschinenbau technische Fragen frühzeitig selbst prüfen können. Wie die Idee entstanden ist und wie die NRW.BANK das junge Unternehmen auf seinem Weg unterstützt hat, erzählt Mitgründer Marian Harling im Interview.

Die Gründer von Dr.Q, v. l. n. r.: Viktor Martinewski, Dr.-Ing. Henrik Stromberg, Marian Harling

Wie sind Sie auf die Idee für Dr.Q gekommen?

Die Idee kam von Henrik, einem unserer drei Gründer. Er hat im Bereich der technischen Simulation promoviert und jahrelang mit klassischer Simulationssoftware gearbeitet, kennt die Probleme der Anwender also aus erster Hand: Klassische Simulationsprogramme sind häufig sehr komplex und auf Experten zugeschnitten. Die Folge ist, dass Anwender in der Industrie und Studierende immer wieder in dieselben Fehler laufen, und das erzeugt ein grundsätzliches Misstrauen in Simulationsergebnisse. Dazu kommt ein Stigma am Markt: Ergebnisse gelten nur dann als belastbar, wenn teure Spezialisten sie erstellen. Ein enorm wertvolles Werkzeug liegt damit hinter einer sehr hohen Hürde. Henrik wollte Simulation von Grund auf neu denken. Der Durchbruch generativer KI hat schließlich gezeigt, wie das funktionieren kann: Komplizierte Bedienoberflächen gehören der Vergangenheit an, man beschreibt, was man wissen will.

Wie haben Sie als Gründungsteam zusammengefunden?

Kennengelernt haben wir uns im Start-up-Inkubator der TU Dortmund, wo ich damals als Coach für Fundraising und Go-to-Market gearbeitet habe und Henrik mit seiner Idee ankam. Weil mich die Idee so überzeugt hat, bin ich nach vier Monaten Coaching eingestiegen, sieben Monate später haben wir gegründet. Viktor, der Henrik aus der gemeinsamen Zeit an der TU Clausthal kannte und in Berlin die Mechanikabteilung eines Start-ups aufgebaut hatte, hat das Gründungsteam komplettiert.

Was genau machen macht Dr.Q und für wen ist die Lösung gedacht?

Dr.Q ist ein Simulationswerkzeug für die Produktentwicklung, das man per Sprache bedient. Es geht um Strukturmechanik: Hält ein Bauteil, verformt es sich zu stark, ist es an der richtigen Stelle stabil? Bisher war das Spezialistenarbeit mit sehr komplexer Software. Bei uns laden Konstrukteurinnen und Konstrukteure ihr CAD-Modell im Browser hoch und stellen die Frage, die sie beantwortet haben wollen, zum Beispiel: „Hält dieser Kranhaken, wenn eine Last von fünf Tonnen daran hängt?" Dr.Q fragt zurück, welche Informationen noch fehlen, und baut daraus die Simulation. Daher auch der Name: Am Ende stehen auf beiden Seiten Fragen, Questions, mit Q. Gedacht ist Dr.Q für Konstrukteurinnen und Konstrukteure im Mittelstand, die heute nicht selbst simulieren und ihre Fragen an ein Spezialteam weitergeben.

Was unterscheidet Ihre Lösung von klassischer Simulationssoftware?

Technisch steckt dahinter ein bewusster Sonderweg. Wir haben einen eigenen Rechenkern entwickelt, der Nutzerfehler aktiv erkennt, mit integriertem Einheitensystem und einer Plausibilitätsprüfung. Und die KI rechnet nicht selbst: Sie übersetzt die Frage in ein nachvollziehbares Eingabeskript, die eigentliche Physik berechnet der Rechenkern, und jeder Lauf ist reproduzierbar. So bleibt das Ergebnis belastbar, obwohl die Bedienung radikal einfacher wird. Die Experten ersetzen wir nicht, wir entlasten sie von Standardfragen; bestehende Simulationssoftware ergänzen wir, statt sie zu verdrängen.

Warum braucht es aus Ihrer Sicht eine Lösung wie Dr.Q?

Uns treibt die Frage, was es kostet, nicht zu simulieren. Wer aus dem Bauchgefühl konstruiert, setzt zu viel Material ein oder baut Prototypen und Teststände, die eine Simulation überflüssig gemacht hätte. Im schlimmsten Fall geht ein fehlerhaftes Bauteil in Serie. Simulation ist heute meistens der letzte Kontrollschritt, wenn überhaupt. Wir wollen, dass sie der Anfang jeder guten Konstruktionsentscheidung wird.

Das lässt sich nicht als Zusatzfunktion in bestehende Software einbauen. Es braucht eine neue Grundlage, die für die Bedienung per Sprache gebaut ist, und dafür braucht es ein eigenes Unternehmen. Dass wir zu dritt Erfahrungen mitbringen, die sich ergänzen, technische Tiefe in der Simulation, Kundenprojekte und den Aufbau eines Unternehmens, ist dafür eine gute Voraussetzung.

Wie hat sich Ihr Unternehmen seit der Gründung entwickelt? Was waren wichtige Meilensteine?

Angefangen haben wir mit dem EXIST-Gründerstipendium, in dessen Verlauf wir den Schritt von der TU Clausthal nach Dortmund gemacht haben. Im Juli 2024 haben wir die Dr.Q GmbH in Dortmund gegründet. Das Gründungsstipendium NRW und die Programme des Dortmunder Ökosystems, vom start2grow-Wettbewerb bis zum innoclub, haben uns die Zeit gekauft, vor den ersten Umsätzen eine eigene technische Basis zu bauen.

Der wichtigste technische Meilenstein war die Entscheidung gegen den bequemen Weg: Kein Sprachmodell vor fremder Simulationssoftware, sondern ein eigener Rechenkern, an dem wir inzwischen seit rund drei Jahren arbeiten. Wirtschaftlich sind es zwei Dinge: Wir haben mit diesem Rechenkern mehr als 40 Kundenprojekte gerechnet, und inzwischen nutzen zwei Unternehmen Dr.Q im laufenden Abonnement. Aus einem MVP ist ein Werkzeug geworden, das im Alltag von Maschinenbauern läuft. Die NRW.BANK hat diesen Weg über NRW.SeedCon begleitet, zuerst 2025 und in diesem Jahr mit einer zweiten Tranche.

Wie sind Sie auf die NRW.BANK aufmerksam geworden?

Wer in NRW gründet, kommt an der NRW.BANK kaum vorbei. Wir hatten sie über das Dortmunder Gründungsökosystem früh auf dem Schirm. Und als es darum ging, die Produktentwicklung bis zu den ersten Kunden zu finanzieren, war NRW.SeedCon das passende Instrument: frühe Technologieentwicklung, gekoppelt an klare unternehmerische Meilensteine, für ein technologieintensives Start-up aus Nordrhein-Westfalen.

Wie hat die NRW.BANK Sie unterstützt?

Die NRW.BANK hat uns über NRW.SeedCon mit einem Wandeldarlehen finanziert, in zwei Stufen. Die erste Tranche über 100.000 Euro kam im August 2025 und hat uns den Spielraum gegeben, den eigenen Rechenkern fertigzustellen, mit ersten Industriekunden zu arbeiten und in den Markt einzutreten. In diesem Sommer wurde dann die zweite Tranche über weitere 100.000 Euro beantragt – den Vertrag dafür haben wir Anfang September unterschrieben.

Geholfen hat uns dabei nicht nur das Geld. Ein Wandeldarlehen in dieser Phase heißt, dass eine Landesbank an unsere Technologie glaubt, bevor der Markt es in großen Zahlen beweist. Das ist für ein Deep-Tech-Start-up, das drei Jahre in einen eigenen Rechenkern investiert, ein wichtiges Signal, auch gegenüber weiteren Partnern und Investoren. Und die Zusammenarbeit war unkompliziert: klare Meilensteine, kurze Wege, verlässliche Ansprechpartner.

  • Die NRW.BANK hat nicht nur unsere Entwicklung finanziert, sondern früh Vertrauen in unsere Technologie gesetzt. Das war für uns ein wichtiges Signal – auch gegenüber Partnern und Investoren.

Was sind Ihre nächsten Schritte mit Dr.Q?

Der entscheidende Moment ist für uns kein Produkt-Meilenstein, sondern ein Kulturwechsel: wenn Menschen, die Simulation bisher gemieden haben, anfangen, eigene technische Fragen damit zu beantworten. Als Nächstes wollen wir den Einstieg so einfach machen, dass Konstruktionsteams ohne lange Einführung selbst mit Dr.Q starten können, und die geführten Simulationsabläufe weiter ausbauen, damit das Wissen des Simulationsteams einmal festgehalten wird und die ganze Konstruktionsabteilung darauf arbeiten kann.

Langfristig soll Dr.Q die Umgebung werden, in der technische Fragestellungen von der Geometrie über nachvollziehbare Annahmen bis zum prüfbaren Ergebnis bearbeitet werden, so selbstverständlich wie CAD heute. Weitere Analysetypen kommen schrittweise dazu, immer mit derselben Regel: Die Maschine rechnet, die Verantwortung und das letzte Wort bleiben beim Ingenieur.

 

Zur Person

Gemeinsam mit Dr.-Ing. Henrik Stromberg hat Marian Harling Dr.Q 2024 gegründet, 2025 kam Viktor Martinewski als dritter Mitgründer dazu. Im Team verantwortet Harling als geschäftsführender Gesellschafter Finanzen, Fundraising und die operativen Strukturen. Zudem kümmert er sich um die Positionierung und Kommunikation des Unternehmens.

NRW.SeedCon

  • Wandeldarlehen bis 200.000 €
  • Für innovative, wachstumsorientierte Unternehmen der Frühphase bis 3 Jahre nach Unternehmensgründung
  • Finanziert Investitionen und Betriebsmittel zum Aufbau und Wachstum des Unternehmens