Mittelstand: „Energieeffizienztechnologien müssen sich im Markt behaupten“
Lothar Schneider, Geschäftsführer der EnergieAgentur.NRW (Bild: EnergieAgentur.NRW)

Umwelt & Energie

Umwelt & Energie: „Energieeffizienztechnologien müssen sich im Markt behaupten“

Energieeffizienz ist ein wesentlicher Bestandteil zur Energiewende. Hinter dem Wort verbergen sich Klimaschutz, Kosteneinsparungen – und Chancen für Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen. Lothar Schneider, Geschäftsführer der EnergieAgentur.NRW, erläutert im Interview Perspektiven und Potenziale.

Herr Schneider, Energieeffizienz ist mittlerweile ein lohnendes Geschäftsfeld. Welche Potenziale liegen hier, was zeichnet diesen Markt aus?

Lothar Schneider: Das Potenzial ist enorm. Zum Beispiel liegt das energetische Potenzial der Kraft-Wärme-Kopplung einer Studie der Bundesregierung zufolge im Bereich der Stromerzeugung bei rund 350 Milliarden Kilowattstunden. Das Wärmepotenzial wird auf rund 330 Milliarden Kilowattstunden beziffert – das entspricht rund einem Drittel des Wärmebedarfs in Deutschland.
Das Marktvolumen für Produkte der Energieeffizienz beträgt 450 Milliarden Euro, nach einer Studie von Roland Berger soll es bis 2020 auf rund 900 Milliarden Euro wachsen. Das Fraunhofer Institut hat ausgerechnet, dass rund 260.000 Arbeitsplätze bis 2020 durch Energieeffizienz entstehen könnten. Der Mittelstand profitiert dabei am meisten: Rund 60 Prozent des Umsatzes von Umweltschutzgütern, zu denen Produkte der Energieeffizienz zählen, werden von Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten erwirtschaftet. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung haben die stark zunehmenden Dienstleistungsangebote in diesem Bereich. Laut der Bundesstelle für Energieeffizienz betrug das Marktvolumen in 2015 rund 9,2 Milliarden Euro. Der Welthandelsanteil Deutschlands an Effizienzprodukten beträgt mehr als 17 Prozent – damit liegt Deutschland vor den USA und Japan. Es ist aber nicht so, dass es im Effizienzmarkt eine Lösung für alles gibt. Lösungen für Effizienz sind deutlich individueller und vielfältiger und häufig auch kleinteiliger als derzeit im Markt der regenerativen Energie vorhanden.

Und wie verhält es sich mit erneuerbaren Energien?

Lothar Schneider: Die Nutzung der erneuerbaren Energien ist nicht nur für die Betreiber beziehungsweise Produzenden, sondern ebenso für Kommunen sehr attraktiv. Nach einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung hat eine Zwei-Megawatt-Windkraftanlage für eine Kommune einen Wertschöpfungseffekt von ca. 2,8 Millionen Euro in 20 Jahren.

Die Ingenieure der EnergieAgentur.NRW beraten Unternehmen zu energetischen Schwachstellen. Wie sehen die aus?

Lothar Schneider: Der größte Handlungsbedarf besteht – naturgemäß – bei den größten Energieverbrauchern. Hier hängt es vom Unternehmen ab, wo diese liegen. Man muss unterscheiden zwischen dem Energieeinsatz im Produktionsprozess und den Querschnittstechnologien, also bei der Druckluft, der Wärme- und Kälteerzeugung oder bei den elektrischen Pumpen. Für den Bereich Querschnittstechnologie liegen Schätzungen vor, so wird beispielsweise bei der Druckluft das Einsparpotenzial deutschlandweit auf rund 14 Terrawattstunden geschätzt. Da die Technologien in fast jedem Unternehmen vorkommen, haben Effizienztechniken einen hohen Multiplikator-Effekt. Vor allem die No-cost- und Low-cost-Maßnahmen werden relativ kurzfristig umgesetzt, zum Beispiel Maßnahmen zur Anpassung des Nutzerverhaltens. Insgesamt kann man sagen, dass der Return-on-Investment bei Effizienztechnologien inzwischen 20 Prozent geringer ausfällt als noch vor drei Jahren. Beim Energieeinsatz in der Produktion sind die Maßnahmen individueller und die Unternehmen zurückhaltender in der Umsetzung.

Auf welche Hemmnisse treffen Sie in Unternehmen bei der Umsetzung von Energieeffizienz-Maßnahmen?

Lothar Schneider: Aus Studien der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich oder der KfW wissen wir: Beratung, die Geld kostet, ist ein wesentliches Hemmnis bei der Umsetzung von Effizienzprojekten in Unternehmen. Wenn sie Geld kostet, wird Beratung schlichtweg nicht in Anspruch genommen. Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen fehlt es meistens am Know-how über die wirtschaftlich und technisch erschließbaren Potenziale. Das beinhaltet auch die Möglichkeiten moderner Finanzierungsmodelle – wie das Contracting. Hier hilft tatsächlich nur noch externer Rat.

Die Energieagentur ist gewissermaßen das Bindeglied zwischen Forschung und Anwendung. Wo liegt die größte Herausforderung dieser Rolle?

Lothar Schneider: Aus der Praxis wissen wir, dass die Kooperation von Forschung, Bildung, Ökonomie und Politik die Innovationskosten als prozessimmanentes Innovationsrisiko senkt. Nordrhein-Westfalen hat mit der Umsetzung der Cluster-Politik die Kooperation forciert, seine Lehren aus diesem Wissen gezogen und die Schwelle vom industriellen Distrikt zum innovativen Milieu überschritten.

Im Rahmen der Cluster-Politik werden Kooperationen von Unternehmen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie gesellschaftlichen und politischen Institutionen in insgesamt 16 Branchen und Technologiefeldern gefördert. Welches Ziel verfolgt die Landesregierung damit?

Lothar Schneider: Das Cluster ist Ausdruck der gewachsenen Überzeugung von der Notwendigkeit eines strukturierten, gemeinsamen Agierens. Letztlich ist es Ergebnis eines Lernprozesses, in dem Interaktionsmöglichkeiten entwickelt und Fähigkeiten zur Zusammenarbeit gewonnen werden, das heißt zur Unterhaltung von Beziehungen auf der Basis gegenseitiger Abhängigkeit.
Die größte Herausforderung ist nun, regional zu kooperieren, während unser Handeln jahrelang auf permanenten Wettbewerb reduziert war.

Wo liegen die Stärken Nordrhein-Westfalens in seinem Beitrag zur Energiewende?

Lothar Schneider: Von der Agentur für Erneuerbare Energien in Berlin, also von unabhängiger Seite, gab es zuletzt gute Noten für die Energiewende in Nordrhein-Westfalen. Vor allem das innovative Milieu bringt Nordrhein-Westfalen auf einen Spitzenplatz: In keinem anderen Bundesland sind die Forschungsausgaben höher. Zudem hat sich Nordrhein-Westfalen inzwischen zu einem angesehenen Wissenschaftsstandort im Bereich der erneuerbaren Energien gemausert. Die Agentur für Erneuerbare Energien hat nachgezählt: 2010 wurden an den Universitäten zwischen Aachen und Minden 47 Studiengänge aus diesem Bereich angeboten – und damit deutschlandweit die meisten. Und ein starker Energieforschungsstandort sowie ein starker Energiewirtschaftsstandort – hier liegt der Fokus insbesondere auf Energieeffizienztechnik und erneuerbare Energien – bedingen einander.

Welche Technologie wird letztlich den Durchbruch bei der Energiewende bringen?

Lothar Schneider: Die Energiewende kennt keinen Kardinalsweg. Die Zukunft der Energieversorgung wird ein Mix aus zentraler und dezentraler Energieversorgung sein und – je nach Region – auf alle Quellen zurückgreifen. Das bedeutet, dass zahlreiche und vor allem individuelle Lösungen der Energiebereitstellung in räumlicher Nähe zum Verbraucher gesucht werden müssen. Für den ländlichen Raum bedeutet das zum Beispiel, dass Biogas in Kombination mit der Kraft-Wärme-Kopplung eine tragende Rolle einnehmen kann. Gleichzeitig ist die Sonnenenergie von Bedeutung für NRW – nicht zuerst in der Anwendung, aber in Forschung und Entwicklung. Denken wir an das solarthermische Versuchskraftwerk in Jülich, wo Technologie für den globalen Einsatz entwickelt wird.

Wie wichtig ist der Wettbewerb für die Energiewende?

Lothar Schneider: Ohne Wettbewerb wird die Energiewende nicht zu schaffen sein. Die Energiewende ist ein beispiellos großes Vorhaben. Damit ein Gelingen nicht gefährdet wird, ist die Einführung marktwirtschaftlicher Wettbewerbsmodelle – auch für erneuerbare Energien – unerlässlich. Der Wettbewerb fördert die Innovationskraft und den nachhaltigen Wohlstand – und verbindet diese Ziele gleichzeitig mit der Versorgungssicherheit und einer ökologischen Energieversorgung. Auch alle Energieeffizienztechnologien müssen sich im Markt behaupten, die Preise für die Technologien rund um die erneuerbaren Energien müssen sich über den freien Wettbewerb regulieren.

 

Stand: 2. Januar 2018

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