prospect: Die Logistikbranche hat sich den Umweltschutz inzwischen groß auf die Fahnen geschrieben. Welche Motivation steckt dahinter?
Prof. Dr. Michael ten Hompel: Die meisten Unternehmen haben entdeckt, dass sie ihren Beitrag zur Schonung der natürlichen Ressourcen und zum Erreichen der gesteckten Emissionsziele leisten müssen. Ein solches Engagement wird in den letzten Jahren zunehmend von der Gesellschaft honoriert und färbt positiv auf das Firmenimage ab. Hinzu kommt, dass auch die Kunden immer häufiger Wert auf ein „grünes“ Produkt legen. In Schweden zum Beispiel existiert ein CO2-Etikett für Lebensmittel – inzwischen planen auch andere Staaten die Einführung solcher Labels, etwa Frankreich.
Zwingen nicht eher die gestiegenen Preise für Energie und Rohstoffe die Unternehmen zum Umdenken?
Auch das spielt sicherlich eine wichtige Rolle. Hinzu kommen die politischen Vorgaben, Stichwort „Kyoto-Protokoll“. Das hierin festgelegte Ziel, bis zum Jahr 2020 die Emission von Treibhausgasen um 40 Prozent zu reduzieren, ist sehr ehrgeizig. Die Logistikbranche kann und muss entscheidend dazu beitragen, dass wir diese Grenze auch erreichen. Immerhin geht weltweit rund ein Viertel der CO2-Emissionen auf das Konto „Transport und Verkehr“, allein ein Drittel davon wird durch Gütertransporte erzeugt. Außerdem müssen Sie bedenken: In den nächsten Jahren wird die Nachfrage nach Transportservices weiter steigen – deshalb müssen die Firmen enorm an ihrem Effizienzpotenzial arbeiten.
Um Effizienzpotenziale zu heben, sind sicher vorher hohe Investitionen notwendig, oder nicht?
Notwendige Ausgaben muss man immer in der Relation sehen. Investitionen in die Energie-Infrastruktur eines großen Dispositionszentrums amortisieren sich beispielsweise in etwa sieben Jahren im Vergleich zu den sonst anfallenden Stromkosten.
Manchmal geht es sogar einfach nur darum umzudenken. Studien belegen, dass 40 Prozent der Lkw-Ladefläche ungenutzt bleiben. Durch die Optimierung der Touren lässt sich ihre Auslastung auf nahezu 100 Prozent steigern. Inzwischen arbeiten außerdem immer mehr Firmen zusammen. Sie bündeln und koordinieren ihre Fahrten, um die Ladeflächen optimal zu nutzen. Und Unternehmer, die heute in ihren Fuhrpark investieren, profitieren zusätzlich von der technischen Entwicklung: Die Aerodynamik der Lkws hat in den letzten Jahren enorm zugelegt. Es wird an neuen Antriebstechniken gearbeitet. Zudem spielt das Thema Gewichtsreduzierung eine wichtige Rolle.
Wer seine Fahrer zusätzlich ein spezielles Training absolvieren lässt, kann den Spritverbrauch um bis zu zehn Prozent senken – und das bei nur geringem vorherigem Mitteleinsatz.
Zahlreiche Aktivitäten in der Forschung und Entwicklung beschäftigen sich mit dem Verkehr der Zukunft. Wie schätzen Sie diese Visionen ein?
Vor allem in puncto Belieferung der Innenstädte und Automatisierung des Güterverkehrs wird seit Jahren viel geforscht. Projekte wie etwa das CargoCap werden auch auf Grund der gestiegenen Energiepreise immer attraktiver. Bis wir solche alternativen Transportwege nutzen können, wird es aber wohl noch etwas dauern – im Jahr 2050 dürfte es dann endlich zu Realisierungen kommen.
Prof. Dr. Michael ten Hompel ist geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML. Als Vorsitzender des EffizienzClusters LogistikRuhr ist er stets auf der Suche nach innovativen Produkten, Prozessen und Dienstleistungen, die helfen, die Logistikbranche effizienter und damit umweltverträglicher zu gestalten.