wandel

Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann

Interview

Den Wandel gestalten

Sinkende Bevölkerungszahlen, rückläufige Einnahmen – und dann noch die Energiewende: Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann, wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Instituts für Urbanistik, sieht die daraus resultierenden Chancen für Städte und Kommunen.

Herr Prof. Dr. Beckmann, die Zahl der Einwohner nimmt in vielen nordrhein-westfälischen Städten und Gemeinden ab. Welche Vorteile ergeben sich durch den wegfallenden Bedarf an Wohnungen?

Eine abnehmende Bevölkerung kann sowohl durch sinkende beziehungsweise niedrige Geburtenziffern als auch durch Abwanderung entstehen. Zumeist geht dies mit einer strukturellen Alterung einher. Das kann zur Folge haben, dass qualifizierte Arbeitskräfte fehlen und die Attraktivität des Standorts geschwächt wird. Wenn es aber gelingt, die Leerstände und Brachflächen im städtischen und regionalen Zusammenhang gut zu organi­sieren, können die frei werdenden Flächen strategisch zur Attraktivitätssteigerung der Städte und Regionen genutzt werden.

Welche attraktiven Flächennutzungen sind denn denkbar?

Vielfältige! Der Bedarf an zeitgemäßen Wohnungen kann gedeckt werden. Es stehen Flächen für eine urbane Landwirtschaft oder für die Energiewirtschaft mit Windkraft, Sonnenenergie oder Bioenergie zur Verfügung. Landschaftsräume zur Naherholung sind eine Option. Außerdem entstehen Potenziale zur Bewältigung von Klimafolgen, zum Beispiel durch Freihaltung von Kaltluftentstehungsgebieten, durch Sicherung von Durchlüftungsbahnen oder Wasserrückhaltungsbereichen.

Inwieweit wird sich die Infrastruktur der Stadt ändern?

Mit dem demographischen Wandel sind quantitative und strukturelle Veränderungen der Nachfrage nach Infrastrukturleistungen verbunden. Es geht dabei um soziale Infrastrukturen wie Kindergärten, Schulen, Alteneinrichtungen oder Verwaltungsgebäude und um die technische Infrastruktur wie Verkehr, Ver- und Entsorgung. So müssen Gebäude und Anlagen baulich angepasst, das heißt vergrößert, verkleinert oder umgebaut werden, um den Anforderungen zu genügen. Bei schrumpfender Bevölkerung sind die Anpassungsbedarfe durch Rückbau und Umbau besonders ausgeprägt. Vor allem verändern sich Art, Menge und räumliche Verteilung der Nachfrage, so dass in einigen Teilräumen ein Rückbau, in anderen Teilräumen einer Region ein Ausbau erforderlich werden kann.

All das kostet Geld. Sinkende Einwohnerzahlen verstärken aber die Probleme bei der Finanzierung solcher Maßnahmen.

Mit einer sinkenden Einwohnerzahl nimmt die Zahl der Steuerbürger wie auch der Zahler von Entgelten, Gebühren und Beiträgen ab, so dass die Städte die Aufwendungen für Umbau und Anpassung nur durch eine verbesserte Finanzausstattung leisten können, zum Beispiel durch den kommunalen Finanzausgleich oder zweckbezogene Förderungen wie die Städtebauförderung.

Ein Kirchturmdenken hilft da sicherlich nicht weiter …

Lebens- und Wirtschaftsräume sind zunehmend regional geprägt. Arbeit, Ausbildung, Versorgung und Freizeit der Menschen sind verteilt über verschiedene Standorte in der Region. Probleme und Aufgaben des Klima- und Ressourcenschutzes enden nicht an den Stadtgrenzen. Ressourceneffizienz, Ressourcenbewirtschaftung, insbesondere aber Klimaschutz und Klimafolgenbewältigung können daher effektiv, effizient und nachhaltig nur im regionalen Zusammenhang gesichert und gefördert werden. Auch für Energiewirtschaft, Wasserwirtschaft, Abfall- und Wertstoffwirtschaft haben regio­nale Kreisläufe und Netzwerke eine besondere Bedeutung. Eine erfolgreiche und kooperative regionale Zusammenarbeit kann somit Synergieeffekte bewirken und zu Effizienz und Nachhaltigkeit beitragen. Wir leben vernetzter – auch regional – und können Probleme auch nur so lösen.

Welche Rolle spielt Energieeffizienz in einer modernen städtischen Infrastruktur­planung?

Energieeinsparung, Energieeffizienz und Einsatz regenerativer Energieträger sind zentrale „Treiber“ einer modernen Infrastrukturplanung bei Neubau, Ausbau, aber auch Umbau und Rückbau sowie bei der Gestaltung von Betriebssystemen. Energieeffizienzkriterien führen zu „Null-Energie-Gebäuden“ der sozialen Infrastruktur und zu dezen­tralen Ver- und Entsorgungssystemen zum Beispiel aus Blockheizkraftwerken, Solarenergie und Kaskaden der Energie-, Wärme- oder Wassernutzung.

Sind Städten und Kommunen in Sachen Energieeffizienz nicht allein aufgrund ihrer Haushaltslagen enge Grenzen gesetzt?

Im Grundsatz gibt es keine Grenzen! Die Lösungen müssen allerdings unter Kriterien der Effektivität, der Effizienz, das heißt auch der Bau- und Betriebskosten, beurteilt und ausgewählt werden. Dazu bedarf es einer Abwägung zwischen den Zielen der Energieeffizienz und den Kostenbelastungen der öffentlichen Hand wie auch der Folgekosten – durch Entgelte, Gebühren oder Beiträge – für die Privatwirtschaft und die privaten Haushalte. Energieeffizienz und Klimaschutz müssen mit den Zielen der wirtschaftlichen Stabilität und Entwicklung sowie der sozialen Gerechtigkeit abgewogen verfolgt werden.

Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann

Prof. Dr.-Ing. Klaus J. Beckmann wurde 1948 in Plauen geboren. Er studierte Bauingenieurwesen und promovierte in Braunschweig, wo er auch von 1990 bis 1996 als Technischer Beigeordneter der Stadt arbeitete. Von 1996 bis 2006 war er Universitätsprofessor und Leiter des Instituts für Stadtbauwesen und Stadtverkehr der RWTH Aachen. Seit Oktober 2006 leitet er als wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer das Deutsche Institut für Urbanistik in Berlin. Klaus J. Beckmann ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für Verkehr des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Darüber hinaus ist er Mitglied in zahlreichen Akademien und Fachorganisationen wie der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.

Deutsches Institut für Urbanistik

Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) gibt es seit 1973. Gegründet wurde es auf Initiative deutscher Städte, um Kommunalverwaltungen durch wissenschaftlich fundierte Forschung und Fortbildung die Lösung kommunaler Aufgaben zu erleichtern. Darüber hinaus soll es Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten für die städtische Entwicklung aufzeigen. Das Difu untersucht Fragestellungen der Kommunalpolitik, erforscht interdisziplinär Grundprobleme der Kommunen und erarbeitet methodische Grundlagen und Konzepte für die kommunale Planungs- und Verwaltungspraxis. Das Institut unterstützt Städte auch bei akuten Problemen, besonders dann, wenn es sich um exemplarische Problem­stellungen handelt, von deren Untersuchung auch andere Städte profitieren könnten.

Mehr Infos unter:

www.difu.de