Gespräch mit Prof. Dr. Rolf G. Heinze von der Ruhr-Universität Bochum über Chancen und Perspektiven der Quartiersentwicklung
Prof. Dr. Rolf G. Heinze, Soziologe und geschäftsführender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (InWIS) (Bild: NRW.BANK)

Wohnen

//Konstruktiver Quartiersdialog

Er erforscht das Lebensumfeld des Menschen: Prof. Dr. Rolf G. Heinze ist Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum und geschäftsführender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (InWIS). Im Gespräch erläutert er Chancen und Perspektiven der Quartiersentwicklung.

Überrascht es Sie, dass das Quartier als Gestaltungseinheit in den Mittelpunkt gerückt ist?

Prof. Dr. Rolf G. Heinze: Nicht wirklich. Es gab schon in den vergangenen Jahren intensive wissenschaftliche Debatten darüber, inwieweit neue, stärker an der Lebenswelt der Individuen orientierte Bereiche des politisch-sozialen Handelns sinnvoll sind, die zwischen den klassischen institutionellen Abgrenzungen und dem Wohnumfeld liegen. Und da spielt nun das Quartier eine Rolle. Allerdings nehmen erst in den letzten Jahren – und da ist Nordrhein-Westfalen ein Vorreiter – die Bestrebungen zu, diese wissenschaftliche Debatte mit den praktisch-politischen Debatten zu verkoppeln und Handlungsempfehlungen zu entwickeln.
 

Woher rühren diese Bestrebungen?

Prof. Dr. Rolf G. Heinze: Es ist erkannt worden, dass die Herausforderungen der Zukunft auch vor Ort gelöst werden und dementsprechend in den Quartieren die Infrastrukturen geschaffen werden müssen. Stichworte sind hier zum Beispiel die Energiewende, in welcher die Energieversorgung immer mehr dezentral organisiert wird, oder die demografische Entwicklung. Schon jetzt ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Das wird weitergehen. Und ältere Menschen bewegen sich hauptsächlich im Quartier. Ein Grund für den Bedeutungszuwachs des Quartiers ist aber auch psychologischer Natur: Angesichts der Globalisierung ist sozusagen als Gegenbewegung eine starke Orientierung der Menschen zur lokalen, regionalen Identität feststellbar.
 

Was verstehen Sie überhaupt unter einem Quartier?

Prof. Dr. Rolf G. Heinze: Es gibt dazu viel Literatur und darin zum Beispiel den wissenschaftlichen Ansatz, dass anhand von teilweise 30, 40 Indikatoren definiert wird, was ein Quartier ist. Das ist für die Praxis dann oft untauglich. Ich neige zu pragmatischen Definitionen. Etwa, dass die Menschen, die dort wohnen, ihren Lebensraum selbst als Quartier sehen müssen. Wichtig ist es auch, die Größe und Abgrenzung des Quartiers nach Feldern und Aufgaben zu differenzieren. Wenn es um die Energieversorgung geht, sieht das Quartier anders aus, als wenn es um ältere Menschen geht. Bei Letzteren wird das Quartier kleiner. Wenn ich über 85 bin, habe ich vielleicht noch einen Mikrokosmos von 500 Metern, wo ich Ärzte, Apotheken, Frisör, Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangebote erwarte. Wenn es hingegen um die Energieeffizienz geht, dann denke ich an die große Siedlung. Man muss also immer fragen, um welche Funktionsbereiche und Handlungsfelder es geht.

Prof. Dr. Rolf G. Heinze sieht Nordrhein-Westfalen als Vorreiter bei der Quartiersentwicklung (Bild: NRW.BANK) Prof. Dr. Rolf G. Heinze sieht Nordrhein-Westfalen als Vorreiter bei der Quartiersentwicklung (Bild: NRW.BANK)

Bei der Quartiersentwicklung steht oft das Soziale im Mittelpunkt, verbunden mit der Hoffnung, dass sich alle Probleme damit lösen lassen ...

Prof. Dr. Rolf G. Heinze: Wenn nicht gleichzeitig zur Quartiersentwicklung die Infrastruktur geschaffen wird, mit der sich vor Ort die sozialen wie ökologischen Herausforderungen bewältigen lassen, dann wird sie zur leeren Hülse. Noch haben wir die Chance – und Nordrhein-Westfalen ist da ganz weit vorne. Es gibt hier beispielsweise die Bestrebung, die Wohnraumförderung um quartiersbezogene Instrumente zu ergänzen. Man setzt stark auf solche Quartiersansätze, weil es eben nicht ausreicht, immer nur die lokale und regionale Politikebene zu sehen, sondern es muss auch konkreter vor Ort angesetzt werden.
 

Wie denn?

Prof. Dr. Rolf G. Heinze: Das hängt stark von der sozioökonomischen und sozialräumlichen Lage des Quartiers ab. In vielen Ruhrgebietsstädten ist der Süden meist wohlsituiert. Die Menschen dort haben gute finanzielle Möglichkeiten, engagieren sich für ihr Wohnumfeld, sind in Vereinen aktiv und kümmern sich um Freizeit- und Sportangebote. Sie können ihre Quartiersentwicklung besser vorantreiben als beispielsweise diejenigen, die im Essener oder Dortmunder Norden zu Hause sind. Eine positive Quartiersentwicklung hinzubekommen, ist alles andere als einfach. Wichtig ist es, die Vernetzung der Nachbarschaftsebene, die Quartiersebene stärker voranzutreiben. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, sehr früh im Bildungsbereich zu intervenieren. Schulen müssen aber auch beispielsweise viel stärker als bisher mit den Arbeitgebern vor Ort kooperieren. Wir müssen auch für die Hauptschüler eine berufliche Perspektive entwickeln. Wenn wir diese Verzahnung nicht hinbekommen, dann brechen uns Stadtteile weg.
 

Als Professor könnten Sie sich bequem zurücklehnen und sagen: Ich beobachte und analysiere diese Entwicklung nur!

Prof. Dr. Rolf G. Heinze: Fürwahr, aber so leicht mache ich es mir nicht. Als Wissenschaftler befinde ich mich in einem konstruktiven Dialog mit der Politik. Derzeit sehe ich aus meiner übergeordneten Warte ein strukturelles Problem. Manchmal wirken über 20 Programme von Land, Bund und EU auf einen Stadtteil ein. Die Kommunen sind teilweise damit überfordert, weil für das Management der verschiedenen Programme kein Geld ausgegeben wird. Wir haben nebeneinander stehende Sektoren, die nur sich selbst betrachten. Das muss überwunden werden. Konkret: Die Stadtentwicklungspolitik muss verbunden werden mit der Bildungs-, Gesundheits-, Pflege- und Wirtschaftspolitik. Es bedarf einer übergreifenden Strategie. Wir haben Querschnittsaufgaben, die nur im Zusammenwirken der verschiedenen Akteure und Ministerien abgearbeitet werden können.

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