Stillgelegte Schächte im Ruhrgebiet werden zur Wärmeerzeugung genutzt
Erdwärme aus einem stillgelegten Bergwerksschacht versorgt in Marl drei Mehrfamilienhäuser mit Heizwärme (Foto: RAG Aktiengesellschaft)
Siegel: Energieeffizienz lohnt sich

Wohnen

//Wohnen: Glückauf für Wärme

Im Ruhrgebiet sind die Spuren des Bergbaus allgegenwärtig. Und erleichtern den Zugang zu einer regenerativen Energiequelle. Denn aus Grubenwasser oder mittels stillgelegter Schächte lässt sich Erdwärme gewinnen, ohne dass dafür aufwändige Bohrungen erforderlich sind. Gleichzeitig bekommt die ehemalige Bergbauinfrastruktur wieder einen neuen Nutzen. Pilotprojekte in Marl und Bochum zeigen unterschiedliche Energieversorgungsmöglichkeiten für Wohnhäuser oder öffentliche Gebäude.

In einem stillgelegten Schacht der zur RAG gehörenden Zeche Auguste Victoria in Marl erfüllt eine ehemalige Steigleitung seit 2010 einen neuen Zweck. Beim Neubau von sechs Mehrfamilienhäusern setzte die Vivawest Wohnen GmbH, hervorgegangen aus dem Zusammenschluss von Evonik Wohnen GmbH und THS Wohnen GmbH, auf umweltbewusste Energiesysteme. Während drei der Häuser über „normale“ Erdwärmesonden, die 175 Meter tief reichen, versorgt werden, kommt für die anderen drei die sogenannte Tiefengeothermie zum Einsatz. Davon spricht man, wenn Erdwärmesonden mehr als 400 Meter tief in die Erde hineinreichen. Im konkreten Fall in Marl sind es 700 Meter. Walter Eilert, bei der RAG zuständig für den Bereich Standort-/Geodienste sowie Erneuerbare Energien berichtet: „Vor der Verfüllung der Förderschächte wurden 2007 im Rahmen einer Machbarkeitsstudie die Vor-Ort-Situation analysiert und die vorhandenen Steigleitungen für die Anforderungen der Geothermie untersucht. Die Ergebnisse waren positiv, eine ehemalige Steigleitung mit einer Nennweite von 350 Millimetern wurde ausgewählt und vor der endgültigen Verfüllung des Schachts für den Einbau einer Erdwärmesonde vorbereitet.“ Aufgrund der enormen Fördertiefe entwickelte das mit den Ausführungsarbeiten betraute Unternehmen Daldrup & Söhne AG einen speziellen Sondenfuß mit Gewichten. Über Tage wird das Wärmeträgermedium – eine frostsichere Sole – über neu erstellte Rohrleitungen noch einmal etwa 300 Meter weiter zu den Wärmepumpen der neuen Häuser geführt.

Zwei Bochumer Schulen sowie eine Feuerwache werden über Grubenwasser mit Wärme versorgt (Bild: Stadtwerke Bochum Holding GmbH) Zwei Bochumer Schulen sowie eine Feuerwache werden über Grubenwasser mit Wärme versorgt (Bild: Stadtwerke Bochum Holding GmbH)

Modell mit Zukunft

Vier Fünftel ihres Heizenergiebedarfs decken die Haushalte über Geothermie ab, das restliche Fünftel entfällt auf die Stromkosten zum Betrieb der geothermischen Anlage. „Noch liegen keine konkreten Zahlen zur CO2-Einsparung und den gesparten Energiekosten vor. Aber vor dem Hintergrund generell steigender Stromkosten gehen wir davon aus, dass die Bewohner der Häuser in absehbarer Zukunft von der Versorgung mit Erdwärme auch finanzielle Vorteile haben werden“, resümiert Walter Eilert. Ein Modell mit Zukunft also? Walter Eilert fügt an: „Auf jeden Fall prüfen wir jetzt schon alle weiteren Schächte, die stillgelegt werden sollen, vor jeder Verfüllung, ob sich dortige Leitungen für die geothermische Nutzung eignen könnten, auch wenn dort noch keine konkreten Planungen zur Geothermie-Nutzung bestehen.“

Wärme aus der Tiefe

Auch in Bochum wird bergbauliches Erbe für die Gewinnung von Wärme genutzt. Schon seit 1968 ist die dortige Zeche „Robert Müser“ stillgelegt. Seitdem pumpt die RAG dort jedes Jahr allein aus einem Schacht mehrere Millionen Kubikmeter Grubenwasser aus 570 Meter Tiefe ab, damit dieses nicht die Arbeit in anderen Bergstollen beeinträchtigt. Das rund 20 Grad warme Wasser wurde bis vor Kurzem ungenutzt in nahegelegene Teiche eingeleitet. Damit ist nun Schluss. Möglich wird das durch ein bis dato einmaliges Projekt der RAG und der Stadtwerke Bochum. Christin Bücker,  Projekt-Ingenieurin des Ruhrgebiets-Versorgers: „Dort, wo das Wasser am Schacht hochgepumpt wird, haben wir Wärmetauscher eingerichtet, die die Wärme des Grubenwassers auf einen Zwischenkreis übertragen. Der Zwischenkreis ist deshalb notwendig, weil die im Grubenwasser gelösten Salze und Stäube die Leitungen angreifen würden.“ Und Walter Eilert von der RAG ergänzt: „Aus demselben Grund sind auch diverse Filter für den Betrieb des Wärmetauschers erforderlich. Weil es für diese noch innovative Art der Geothermie-Nutzung noch nicht viele Erfahrungen gibt, war die Herstellung des reibungslosen Betriebs an dieser Stelle anfangs schon einen Herausforderung.“ Im Juni 2012 startete der Probebetrieb, am 08. Oktober 2012 wurde das Projekt offiziell durch den NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin, die Oberbürgermeisterin von Bochum, Dr. Ottilie Scholz, den RAG Technikvorstand Jürgen Eikhoff sowie den Stadtwerke- Geschäftsführer Dietmar Spohn in Betrieb genommen. Zurzeit werden zwei Bochumer Schulen sowie eine Feuerwache über Grubenwasser mit Wärme versorgt. In den Heizzentralen der Gebäude kann das bereits erwärmte Wasser über Wärmepumpen mit der Energie des Grubenwassers weiter auf bis zu 60 Grad Celsius erhitzt werden. Sind noch höhere Temperaturen erforderlich, kommen zusätzlich ein Blockheizkraftwerk und mehrere Gaskessel zum Einsatz.

Grubenwasserprojekt macht Schule

 „Insgesamt haben wir circa. 1,2 Millionen Euro in dieses Projekt investiert, ein Teil davon  wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) gefördert“, berichtet Dr. Frank Peper, Bereichsleiter Fernwärme bei den Stadtwerken Bochum. „Wir rechnen damit, dass knapp 40 Prozent des bisher eingesetzten Erdgases eingespart werden kann. Das würde auch bedeuten, dass 250 Tonnen weniger klimaschädigendes Kohlendioxid anfällt.“

Schule gemacht hat das Pilotprojekt jedenfalls schon: Nicht nur Umweltschützer sind voll des Lobes, auch Anwohner haben bereits Interesse bekundet, an das Leitungsnetz angeschlossen zu werden. Christin Bücker: „Bevor wir mit dem Ausbau starten, wollen wir aber den Verlauf der ersten Heizperiode abwarten. Schließlich sind wir ja noch dabei, wichtiges Know-how zu sammeln, aber wir sind guter Dinge!“

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