Insolvenz - Restrukturierung und Sanierung: Interview Attila von Unruh
Atilla von Unruh, Gründer des Gesprächskreises Anonyme Insolvenzler (Bild: Arbeitskreis Anonyme Insolvenzler)

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//Attila von Unruh gründete den Gesprächskreis Anonyme Insolvenzler

Attila von Unruh hat in Köln den Arbeitskreis Anonyme Insolvenzler gegründet. Im Interview erläutert er die Ziele der Gruppe.

Herr von Unruh, vor vier Jahren haben Sie in Köln den Arbeitskreis Anonyme Insolvenzler ins Leben gerufen. Aus welchem Grund?

Attila von Unruh: Ich musste selbst erfahren, wie hilflos und gedemütigt man sich während und nach einer Insolvenz fühlt. Ge­spräche mit anderen Betroffenen haben mir damals Mut gemacht. Daraus ist dann die Idee dieser kostenlosen Treffen entstanden, bei de­nen die Teilnehmer anonym bleiben können.

Wie kommt Ihr Konzept an?

Attila von Unruh: Sehr gut. Inzwischen gibt es den Arbeitskreis in neun deutschen Städten und so­gar in Österreich. Und alle sind mit zehn bis 25 Teilnehmern gut besucht. Die Teil­nahme ist übrigens kostenlos.

Erscheinen zu den Treffen ausschließlich Firmenchefs, die in Schwierigkeiten geraten sind?

Attila von Unruh: 60 Prozent der Teilnehmer sind tatsächlich Unternehmer, die sich gerade vor oder mitten in der Insolvenz befinden. Wir haben aber auch viele Privatleute, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen müssen und nach Unterstüt­zung suchen.

Dienen die Treffen ausschließlich dem emotionalen Austausch?

Attila von Unruh: Nein, vielen geht es natürlich in erster Linie darum, Gleich­gesinnte zu treffen und zu erkennen, dass man mit seinen Ängsten und Sorgen nicht allein ist. Wir geben aber auch Informationen zum Ablauf einer Insolvenz, übersetzen das Amtsdeutsch in den Formularen und An­schreiben und geben unsere Erfahrungen weiter.

Es handelt sich dabei also um eine Art Hilfe zur Selbsthilfe?

Attila von Unruh: Das ist richtig, darauf achten wir. So kennen zum Beispiel unsere Gesprächsleiter, die übrigens alle ehrenamtlich ar­beiten, das Thema Insolvenz aus Erfahrung – ent­weder, weil sie selbst oder ein weil ein naher Familienange­höriger davon betroffen ist. Hin und wieder laden wir auch einen Fachmann ein, etwa einen Insolvenz­verwalter oder einen Richter, um deren Position und Vorgehens­weise zu erläutern.

Was ist mit den Betroffenen, die im Arbeitskreis nicht alle Einzelheiten zu ihrer Situation offen legen wollen?

Attila von Unruh: Über den Bundesverband Menschen in Insolvenz und neue Chancen e.V., kurz BV INSO, bieten wir regelmäßig Sprechstunden an. Zunächst allerdings nur in Köln und Berlin. Hierbei geht es in erster Linie darum, die Insolvenz zu vermeiden. Was übrigens mit der richtigen Strategie in den meisten Fällen durchaus möglich ist.

Wie erleben Sie persönlich die Teilnehmer?

Attila von Unruh: Ich bin immer wieder beeindruckt von dem enormen Po­tenzial und der Energie des Einzelnen. Sie wollen keine Opfer sein. Sie wollen anpacken, ihre Erfahrungen wei­ter­geben und etwas Neues schaffen. Leider ist die Insolvenz bei uns noch immer ein gesellschaftliches Stigma. Die Chance zu einem unvoreingenommenen Neu­start erhal­ten nur die wenigsten.

Woran liegt das?

Attila von Unruh: Die meisten Deutschen haben noch immer das Bild im Kopf, dass insolvente Un­ternehmer zuvor fahrlässig mit dem Kapital der Firma umgegangen sind. Sicherlich stim­mt das auch in einigen Fällen. Doch diese Ausnahmen prägen weiterhin das Bild in der Öffentlichkeit. Außerdem stoßen Personen, die insolvent waren, überall auf zusätz­liche Hürden, wenn sie einen Neuanfang wagen wollen. Welche Bank oder Telekommunikationsgesellschaft nim­mt sie als Kunden auf? Selbst im Schu­fa-Eintrag finden sich noch Jahre nach der Restschuldbefreiung und der Wohl­verhaltensperiode Hinweise auf eine längst abge­schlossene Insolvenz – das kommt bei keinem poten­tiellen Geschäftspartner gut an.

Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Attila von Unruh: Der BV INSO will einen Dialog mit allen Betroffenen an­stoßen, darunter auch Poli­tiker, Insolvenzverwalter, Insol­venzrichter und Unternehmer. Ziel ist es, zum Bei­spiel die Verfahrensdauer zu reduzieren. In Frankreich und Groß­britannien etwa be­trägt diese nur ein Jahr. Außer­dem sol­lte die Ausbildung der Insolvenzverwalter opti­miert wer­den. Zudem sind die Kriterien der Mandats­ver­gabe nicht verbindlich. Bisher heißt es im Gesetz, es muss sich da­bei um „geeignete Personen“ handeln. Zu Bedenken ist auch, ob die Zuständigkeit bei den Amts­gerichten über­haupt noch sinnvoll ist. Viele Richter sind mit den Insol­venzverfahren zeitlich und auch fachlich überlastet.

Attila von Unruh

Attila von Unruh gründete im Herbst 2007 den ersten Gesprächskreis Anonyme Insolvenzler. Zwei Jahre zuvor musste er selber als Unternehmer Insolvenz anmelden, nachdem ein großer Kunde zahlungsunfähig wurde. Inzwischen ist die Initia­tive die größte deutsche Selbsthilfegruppe zu diesem Thema. Der gemeinnützige Trägerverein BV INSO – Bundesverband Menschen in Insolvenz und neue Chancen e.V. organisiert darüber hinaus zahlreiche Projekte zur Unterstützung von Be­troffenen. Attila von Unruh wurde mit dem Deutschen Engagementpreis 2010 ausgezeichnet.

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