Anlieferungsfahrer in Dortmund
2005: Im Moment wohne ich mit meiner kleinen Familie auf einem Hof in Oelde/ Kreis Warendorf. Wir vermieten Boxen an andere Pferdebesitzer, die hier ihre Pferde unterbringen und können so die laufenden Kosten für den Hof finanzieren. Doch unseren eigentlichen Lebensunterhalt verdiene ich zurzeit als Anlieferungsfahrer. Dafür muss ich täglich nach Dortmund und zurück, das sind 150 Kilometer! Das ist nicht nur weit, sondern kostet auch zu viel Zeit. Dabei habe ich den Job als Anlieferungsfahrer für einen Lebensmittelgroßhändler nur deshalb angenommen, weil ich hoffte, noch genug Zeit zu haben, um meinen Traum zu verwirklichen: Hufschmied zu werden. Denn ich will schon lange meine Liebe zu Pferden mit meinem handwerklichen Talent als gelernter Metaller zusammenbringen. Das wäre machbar, denn Dank meiner Schlosserausbildung müsste ich nur ein Jahr lang einen Hufschmied begleiten und bei ihm lernen. Aber im Moment ist das einfach zeitlich nicht zu schaffen.
Januar 2006: Gerade hat mich eine der Pferdebesitzerinnen auf dem Hof nochmal auf die Hufschmied-Idee angesprochen. Sie ist Generalvertreterin für spezielle Hufschuhe. Aber wie soll das zeitlich funktionieren?
Oktober/November 2006: Mir reicht es. Durch das ewige Pendeln zur Arbeit bin ich mehr unterwegs als bei meiner Familie. Wir wollen zurück ins Sauerland ziehen, nach Arnsberg, wo wir früher schon einmal gelebt haben und glücklich waren. Dann ist die Anfahrt zur Arbeit für mich nicht mehr so weit. Allerdings müssen wir den Hof dann abgeben und wieder in ein normales Mietshaus ziehen. Für die Pferde mieten wir dann in der Nähe Einstellboxen an einem Reitstall.
März 2007: Unser zweites Kind ist zur Welt gekommen, ein Sohn. Jetzt sind wir zu viert und glücklich hier in Arnsberg. Wir haben ein kleines Haus zur Miete gefunden und fühlen uns sehr wohl.
Ende 2008: Jetzt wohnen wir nicht einmal zwei Jahre hier in Arnsberg – wo wir nicht zuletzt wegen meines Jobs hingezogen sind – und nun das: Meine Firma plant den Umzug von Dortmund nach Oberhausen. Damit wird für mich die Anfahrt wieder superlang. Das mache ich nicht mit! Jetzt nutze ich die Chance, endlich meinen Traumberuf anzugehen. Erfreulicherweise hat sich bei der Ausbildung zum Hufschmied etwas geändert. Statt der klassischen handwerklichen kann man nun auch eine schulische Ausbildung an der Europäischen Hufbeschlags-Akademie (EHA) in Ennigerloh machen. Das ist was für mich. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Ausbildung – aber die habe ich ja. Diese schulische Ausbildung ist dreigliedrig: zuerst die Ausbildung zum Hufpfleger, der Hufe bearbeiten und pflegen darf, dann zum Huftechniker, der darüber hinaus auch alle Hufbeschläge und Klebeschuhe anbringen kann aber keine Eisen. Der dritte Teil ist dann die Ausbildung zum Hufbeschlagschmied, der alles an Hufbearbeitung und Pflege machen darf inklusive Eisen und Heißbeschlag.
Hufpfleger und Huftechniker
Oktober/November 2009: Beide Kurse – zum Hufpfleger und zum Huftechniker – habe ich innerhalb knapp eines Jahres geschafft, aber auch nur, weil ich aufgrund der Arbeitslosigkeit genug Zeit hatte. Jetzt darf ich sogar beschlagen, aber immer noch nicht mit Eisen, das ist weiterhin den Schmieden vorbehalten. Eigentlich wollte ich ja noch den dritten Kurs zum Hufbeschlagschmied machen, sodass ich endlich auch Eisen und Heißbeschlag machen darf. Aber der Kurs kommt nicht zustande wegen mangelnder Teilnehmerzahl. Deshalb habe ich mich entschlossen, nicht länger zu warten, und mich jetzt schon mal selbstständig zu machen. Aber den Hufschmied muss ich baldmöglichst aufsatteln. Hier im Sauerland sind bei den steinigen Böden richtige Eisen oft die erste Wahl.
Die ersten Schritte in die Selbstständigkeit liegen hinter mir. Erst habe ich ein Gewerbe bei der Stadtverwaltung Arnsberg angemeldet und nun startet die Existenzgründung mithilfe der ARGE. Die verlängern die finanzielle Unterstützung um sechs Monate und geben einen Zuschlag zur Kranken- und Gewerbeversicherung.
Jetzt muss ich noch einen Business-Plan und einen Finanzierungsplan liefern. Zum Glück hilft mir meine Frau dabei. Wir haben Infos im Internet gesammelt: Wie viele Pferde und Hufschmiede gibt es in Deutschland, wie viele Kunden muss ich haben – all solche Dinge. Am Anfang muss ich nur eine vereinfachte Buchführung machen. Erst in zwei Jahren soll diese ausführlicher ausfallen. Beim Text für den Business-Plan hilft meine Frau. Außerdem kann ich alles anschließend von fachkundiger Stelle sichten lassen – in meinem Falle bei der IHK.
Dezember 2009: Meine ersten Kunden habe ich im Bekanntenkreis und an dem Stall gefunden, wo unser eigenes Pferd auch steht. Über ausgelegte Visitenkarten bei Tierärzten, Genossenschaften und Reitsportgeschäften mache ich mich außerdem in der Umgebung bekannt. Viel mehr Werbung sollte man nicht machen, denn erfahrene Reiter sagen, dass nur die schlechten Schmiede Anzeigen schalten müssen, um Kunden zu finden. Das meiste läuft über Empfehlung von zufriedenen Kunden. Das Feedback ist super. Heute hat sich mal wieder eine Kundin riesig gefreut, wie ich ihrer Stute helfen konnte: Nach jahrelangen Problemen mit ihren Beinen läuft sie nun wieder einwandfrei! Und das nur, weil ich entsprechend die Hufe bearbeitet und einen Spezialbeschlag aufgebracht habe. Ein größeres Lob kann ich gar nicht bekommen. Außerdem ist meine Website endlich fertig geworden. Jetzt bin ich im Internet unter den Stichworten „Arnsberg“ und „Hufschmied“ schnell zu finden!
NRW/EU.Mikrodarlehen
November 2010: Im Februar soll endlich der nächste Ausbildungskurs zum Hufschmied zustande kommen. Das ist der langersehnte dritte Teil meiner Ausbildung, der mir noch fehlt. Leider sind unsere Ersparnisse so langsam aufgebraucht, spätestens nachdem der Rest der Ausbildung bezahlt sein wird. Außerdem kommt noch einiges an Investitionen auf uns zu – von der Reparatur des Autos bis zum neuen Schmiedewerkzeug.
Ende 2010: Mein Onkel, der Leiter der Filiale eines Geldinstituts in Arnsberg, hat mir gesagt, wo ich Unterstützung finde. Er gab mir den Tipp, mich doch mal an das STARTERCENTER in Arnsberg zu wenden. Mit deren Hilfe könnte ich ein NRW/EU.Mikrodarlehen beantragen – das gibt es schon ab 5.000 Euro.
Januar 2011: Nachdem meine Frau und ich Infomaterial von der NRW.BANK aus dem Internet rausgesucht, unsere Daten zusammengetragen und aktualisiert hatten, war ich heute beim STARTERCENTER in Arnsberg. Dort hat mir der Berater erklärt, was zu tun ist: einen Business-Plan erstellen, aktuelle Zahlen liefern, mit den Prognosen vom ersten Business-Plan vergleichen und eine Aussicht in die Zukunft wagen. Etwas Ähnliches habe ich bereits vor zwei Jahren gemacht, bei der Existenzgründung mithilfe der ARGE. Dazu hat der Berater vom Startercenter mir noch einige Hinweise gegeben, zum Beispiel, dass ich mein Alleinstellungsmerkmal herausarbeiten soll. Da kann ich ja mit meiner dreigliedrigen Ausbildung punkten – schließlich haben die meisten noch den „klassischen“ Hufschmied.
Als Hufbeschlagschmied darf Benno Eickhoff alles an Hufbearbeitung machen, was nötig ist – inklusive Heißbeschlag mit Eisen.
Februar 2011: Nun startet endlich mein Hufschmied-Kurs an der EHA. Wurde aber auch Zeit, mit einem Jahr Verzögerung! Schließlich brauche ich gerade hier im Sauerland unbedingt die Qualifikation, um mit Eisen beschlagen zu dürfen. Bei diesen harten Böden hier ist und bleibt das harte Material für rund 80 Prozent der Pferde die erste Wahl. Und ich will ja Kunden gewinnen und halten, nicht verlieren!
April 2011: Habe Anfang des Monats meinen Antrag auf das NRW/EU.Mikrodarlehen beim STARTERCENTER abgegeben und schon nach weniger als einer Woche die Antwort über meinen Berater vom STARTERCENTER erhalten: Das NRW/EU.Mikrodarlehen ist genehmigt.
Mai 2011: Nachdem ich auch die dritte Prüfung bestanden habe, darf ich mich jetzt „ Hufbeschlagschmied“ nennen und alles an Hufbearbeitung machen, was nötig ist – inklusive Heißbeschlag mit Eisen. Und das Geld ist auch schon da, gerade mal vier Wochen nach der Antragstellung.
Nun müssen noch viele Sachen besorgt werden – von Hufnägeln bis zum mobilen Ofen. Außerdem muss ich noch nach einem größeren Auto suchen. Sobald ich alles komplett habe, kann ich loslegen mit dem Heißbeschlag. Die ersten Termine habe ich schon.
Juni 2011: Als Auto habe ich einen soliden gebrauchten Kleintransporter gefunden. Der muss ja schließlich was aushalten als „rollende Schmiede“ und „Materiallager“ in einem. Ich habe das mal überschlagen: Allein die komplette neue Hufeisen-Kollektion in zehn bis elf verschiedenen Eisengrößen, alles natürlich immer in unterschiedlicher Ausfertigung für vorne und hinten, und dann in sechs- bis achtfacher Ausfertigung – dazu noch der Amboss, der Gasofen, die Gasflasche, das Werkzeug und, und, und… Da kommt schon einiges an Gewicht zusammen, ca. 900 kg.
November 2011: Ich habe richtig viel zu tun im Moment. Eigentlich ein Glück; so hat sich die Prognose aus meinem Business-Plan bestätigt, oft ist es sogar mehr. Nur die teilweise noch zu langen Anfahrtswege – da muss ich in Zukunft mal drüber nachdenken. Oder noch besser organisieren. Aber jetzt kommt erst mal der Winter. Da wird es immer etwas ruhiger, auch, weil die Hufe einfach langsamer wachsen. Dafür sind aber auch die Anfahrten schwieriger bei winterlichen Straßen. Und dazu kommt das Beleuchtungsproblem: Nach 17 Uhr ist es oft schwierig, am Pferd zu arbeiten, da dann kein Tageslicht mehr da ist und das elektrische Licht häufig nicht ausreicht. Viele Offenställe oder kleinere Privatställe verfügen einfach nicht über die Mittel und Möglichkeiten vernünftige Beleuchtungen anzubringen. Dafür geht es dann im Frühling sicher wieder richtig los – dann rufen wieder alle auf einmal an.
