Mrs. Drake, welches sind die größten Hürden vor denen KMUs heute in Bezug auf grenzüberschreitende Zusammenarbeit stehen?
Joanna Drake: Die Sorge Nummer eins von KMU ist die Finanzierung. Der Zugang zu Finanzierungen ist vor allem für KMU schwieriger geworden, weil sie per Definition ein hohes Risiko darstellen. Daher haben sie weniger Möglichkeiten, neue Projekte - speziell innovative, zu realisieren.
Auch hinsichtlich grenzüberschreitender Kooperationen innerhalb der Europäischen Union gibt es diverse Hürden. Jedes Land hat seine eigene Verwaltungsstruktur, das stellt für die Zusammenarbeit von KMU aus verschiedenen Staaten durchaus eine Schwierigkeit dar. Selbstverständlich existieren auch viele unsichtbare Schranken, manchmal einfach die Sprache. In anderen Fällen geht es um die Gewinnung von Mitarbeitern mit geeigneten Qualifikationen. Wenn KMU z. B. in einem Land tätig sind, in dem eine gewisse Qualifikation nur zu einem sehr hohen Preis verfügbar ist, dann können sie sich solch qualifizierte Mitarbeiter unter Umständen nicht leisten, obwohl sie doch so wichtig wären für die Erschließung neuer Märkte.
Was können Sie denn im Rahmen des Enterprise Europe Network tun, um KMU zu unterstützen und um KMU zu ermutigen, jenseits ihrer Landesgrenzen tätig zu werden?
Joanna Drake: Das Enterprise Europe Network in seiner jetzigen Form existiert seit 2008, in der Vorgängerform schon seit 25 Jahren. Es kann durch seine Beteiligten viel tun, um KMU in ihrem Wachstum zu unterstützen. Zunächst einmal müssen den KMU Informationsdienste zur Verfügung gestellt werden. Ein KMU konzentriert sich im Allgemeinen voll auf seine Hauptgeschäftstätigkeit. Es hat keine Zeit, sich anzuschauen, welche Anreize – finanzieller oder sonstiger Natur –, oder Märkte in Frage kämen. Die Partner aus dem Network können hier mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie sind sehr stark an Vermittlungstätigkeiten beteiligt. Weil ein KMU manchmal vielleicht einfach einen Partner aus einem anderen Land braucht. Nicht nur um das Marktpotenzial auszuschöpfen, sondern einfach, um die eigenen Produkte und Dienstleistungen auf andere Weise zu entwickeln und sie marktfähiger zu machen. Viele Unternehmen in Europa wissen wahrscheinlich gar nicht, was für eine Goldmine ihr eigenes Know-how ist. Tatsache ist jedoch, dass dieses Know-how, wenn es auf den europäischen Markt gebracht würde, mit Gewissheit einen Wert hätte, der weit über dem läge, den es nur für das Unternehmen selbst hat. Dann sorgt das Network durch Partnerschaften für eine gewisse Marktfähigkeit dieses Know-hows, das in anderen Nischenmärkten oder in anderen Bereichen zur Verwendung kommen kann.
Es geht um Informationen, um ein Zusammenfügen der verschiedenen Teile: Grenzüberschreitende Kooperation. Sprechen wir denn auch über finanzielle Hilfen?
Joanna Drake: Ja. Die Partner können als Teil des Networks Beratung über Finanzinstrumente für KMU anbieten. Sie kennen die spezifischen Bedürfnisse von KMU und können zu infrage kommenden Finanzpaketen und Förderstellen beraten.
Richten Sie Ihren Blick auch auf andere, weltweite Wachstumsbereiche? Es wird zurzeit viel über die BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China und deren immenses Wachstumspotential gesprochen. Ist das etwas, worauf Sie sich ebenfalls konzentrieren?
Joanna Drake: Das hängt sehr stark davon ab, in wieweit die Network-Partner mit Sitz in Europa Geschäftsaktivitäten z. B. mit europäischen Handelsketten oder anderen Organisationen betreiben, die auch Niederlassungen in den BRIC-Staaten haben oder in sonstigen aufstrebenden Wirtschaftsräumen. Zum Network gehören auch Partner aus 23 anderen Staaten, die nicht in der Europäischen Union sind, z. B. China, die U.S.A., Ägypten. Hier wissen wir nach all den politischen Entwicklungen im südlichen Mittelmeerraum, wie wichtig Kooperationen zwischen KMU sind, um die Demokratisierung voranzutreiben und stabilere Wirtschaftsräume zu schaffen. Dieser Teil der Aktivitäten des Networks ist daher von enormer Bedeutung. Es hat auch eine Anziehungskraft auf Netzwerke außerhalb der EU ausgeübt, sich innerhalb der EU nach neuen Investitionsmöglichkeiten umzuschauen.
Es gibt also auch eine starke politische Komponente, was die Demokratisierung und politische Strukturen angeht – es geht um viel mehr als nur um wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Joanna Drake: Allerdings. Vor allem nach den Ereignissen im Arabischen Frühling (bezeichnet eine im Dezember 2010 beginnende Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen in der arabischen Welt, welche sich gegen die autoritären Regime und die politischen sowie sozialen Strukturen dieser Länder richten, Anm. d. Red.) und auch nach ähnlichen Entwicklungen in der Vergangenheit ist deutlich, dass die Unternehmungen des Networks sich immer an vorderster Front für konkrete Kooperationen eingesetzt haben. Und die EU dazu auch Entsprechendes anzubieten hatte. Nun sieht man sehr deutlich, dass z. B. auch in Algerien in diesem Jahr ein enormes Interesse an einer Zusammenarbeit besteht.
Haben Sie das Gefühl, dass sich die Prioritäten im Zusammenhang mit der Eurokrise verschoben haben, dass viel mehr über den Euro geredet wurde als über die Kooperation auf KMU-Ebene? Glauben Sie, dass das Ihre Arbeit ebenfalls beeinflusst hat?
Joanna Drake: Was wir aus der Krise gelernt haben, ist, dass wir darauf achten müssen, was in unserem eigenen Haus passiert und das in Ordnung zu bringen. Die andere Seite der Medaille ist jedoch, dass uns durch diese Krise noch einmal in aller Schärfe klar gemacht wurde, was für die europäische Wirtschaft von Bedeutung ist. Wie wichtig es eben ist, dass unsere KMU wettbewerbsfähig sind und auch bleiben. Wir können uns keine Zeiten erlauben, in denen die KMU keine Arbeitsplätze mehr schaffen. Deshalb sind KMU zu einem wichtigen Thema geworden. Es freut mich, dass wir den Bedürfnissen von KMU und der Schaffung einer gesünderen Wachstumsumgebung für sie immer mehr Bedeutung beimessen. Wir müssen ihnen die Hindernisse aus dem Weg räumen, die ihr Potential beeinträchtigen könnten. Das hat die europäische Agenda mit bestimmt, und das sind wirklich erfreuliche Nachrichten.
Was die Finanzierung angeht, finden Sie, dass die Struktur, die Sie hier in Deutschland mit Blick auf die Förderbanken vorgefunden haben, ein hilfreiches Werkzeug für die Bereitstellung von Kapital für KMU ist? Ist das etwas, was sich auch andere Länder anschauen sollten, um diese Art von Struktur zu stärken?
Joanna Drake: Ja, auf jeden Fall. Die Förderbanken sind nachweislich sehr nah dran an der Wirklichkeit der KMU. Sie konzentrieren sich stark auf die Bereitstellung von maßgeschneiderten Förderlösungen, mit denen KMU operieren können. Das ist ein Modell, das auch in anderen Regionen mehr Beachtung finden sollte. Und ich bin davon überzeugt, dass wir momentan noch mehr innovative Förderansätze brauchen, auch auf europäischer Ebene. Sowohl mit Blick auf das Eigenkapital als auch auf Darlehen und Garantien. Wir müssen das positive Signal senden, dass die europäischen Institutionen bereit sind, Risiken zu übernehmen, um die Geschäfte der Banken mit den KMU auf nationaler Ebene in Schwung zu bringen.
Gehen wir nach Brüssel. Welche anderen Ziele sollen nach dem Willen der Europäischen Kommission bis 2014 und darüber hinaus umgesetzt sein?
Joanna Drake: Bis 2014 geht es im Hinblick auf die KMU darum, diese weiterhin zu ermutigen, die Wirtschaft anzukurbeln. Und natürlich ist die Wiederherstellung des Vertrauens von äußerster Dringlichkeit.
Darüber hinaus müssen wir weiterhin daran arbeiten, global wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne unsere Werte wie etwa die Sozialökonomie aufzugeben. Schließlich leben wir in einer konkurrierenden, globalisierten Welt. Unsere Wirtschaft basiert auf Wissen und Know-how. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Europa für Wissenschaftler und Unternehmer attraktiv bleibt. Dafür sollten die Bildungsinstitute besser mit der Industrie zusammenarbeiten. Diese Kooperationen sollten wir noch viel mehr stärken.
